CMMI und ITIL, ein starkes Gespann
CMMI und ITIL sind zwei Modelle zur Optimierung
von Prozessen in der Entwicklung bzw. der
service-orientierten Ausrichtung des IT-Betriebs. CMMI ist
von der Carnegie Mellon University Pittsburgh veröffentlicht und
fasst in der jetzt vorliegenden Version 1.2 vorausgegangene
verschiedene CMM-Modelle in einem DEV-Modell für Entwicklung von
Software und Hardware zusammen. ITIL liegt seit September 2006
in der Version 3.0 vor, basiert auf der Norm ISO 20000 und wird
von der ITSMF (IT Servicemanagement-Forum) inhaltlich
vorangetrieben und von der OGC (Office of Government Commerce)
verwaltet.
Entgegen verbreiteter Meinung sind beide Modelle
keine Prozessmodelle. CMMI ist ein Reifegradmodell mit 5
Stufen und 22 sog. Prozessgebieten, die über Ziele und Practices
beschrieben sind. Bei genauerer Betrachtung erkennt man, dass
die Beschreibung ein Leistungsverzeichnis ist, sogar die Ziele
sind als Leistungen formuliert. Das Leistungsverzeichnis hat 4
Level:
Prozessgebiet
Special Goals (als Leistungen auf oberstem Level des
Prozessgebiets)
Practices
Subpractices
Daneben gibt es sog. generische Ziele zu den 5 Leveln für alle
Prozessgebiete.
ISO 20000, die Norm auf der ITIL 3.0 basiert, ist
ebensowenig ein Prozessmodell wie ITIL 2.0 es war. ISO 20000
lässt sich auch als Leistungsverzeichnis beschreiben, wobei in
Einzelfällen zugeordnete Rollen definiert sind aber durchweg
keine Business
Rules zur Beschreibung einer Aktivitätenabfolge. Wenn ich im
folgenden trotzdem gelegentlich von Prozessen statt von
Leistungen spreche, liegt das daran, dass die konkrete
Ausprägung des Leistungsverzeichnisses in einer Organisation in
der Regel Prozesscharakter haben wird (wenn die Leistungen nicht
in chaotischer Abfolge erbracht werden).
Beide Modelle ergänzen sich. CMMI fokussiert auf
die Entwicklungsprozesse, ITIL auf die Betriebsprozesse. Dies
verdeutlicht das nachfolgende Bild, in dem die
Entwicklungszyklen als "Blasen" (bubbles) der Nutzungszeit
dargestellt sind.

Beide Modelle verfolgen unterschiedliche Ansätze
zur Prozessverbesserung. CMMI institutionalisiert das
Prozessmanagement und führt Verbesserungen über die Process
Asset Library (PAL), Organizational Measurement Results (OMR,
z.B. Projektkennzahlen) und Work Environment Standards durch,
die von Projekten genutzt werden können (z.B. Tayloring von
Standardprozessen) und von Projekten gespeist werden über
Verbesserungsvorschläge. ITIL nutzt für Prozessverbesserungen
das sog. PDCA-Modell (Plan-Do-Check-Act). Beide
Prozessverbesserungsmodelle zeigt
nachfolgendes Bild.

ITIL V3 (synonym zu ITIL 3.0) ist als Phasenmodell definiert, in das sich das CMMI-Modell für die Phase Innovation fast nahtlos integriert.

Abgrenzung: Aus
Sicht von ITIL ist die Entwicklung eines SW-Produkts, aus der
Services für Installation und Inbetriebnahme, Betrieb und
Support der Applikation resultieren, wie eine
Lieferantenbeziehung zu einem zu integrierenden Produkt.
Überlappungen gibt
es in folgenden Bereichen:
Requirements durch Stakeholder "Betrieb", der eigene
Vorstellungen über den späteren Betrieb hat (z.B.
Multiversionsfähigkeit für mindestens 2 Versionen);
Überlappungen in Vereinbarungen des Projekts, die über dessen
Lebensdauer hinausgehen (z.B. Design-Entscheidungen zum Zukauf
von Komponenten);
Überlappungen in Tests (Releasemanagement testet z.B. noch
einmal alle Profile).
Die Entwicklung von
ITIL V2 zu ITIL V3 illustriert folgendes Bild:

Interessant im
Übergang von ITIL V2 zu ITIL V3 ist die Zusammenfassung von Availability und Continuity Management, was plausibel und
übersichtsfördernd ist, und die Eigenständigkeit von Service
Reporting und Information Security Management.
ITIL
V3 besteht aus
einem sog. Framework (allgemein gültige Practices) und
spezifischen Ausprägungen für bestimmte Businesssegmente.
Bemerkenswert ist,
dass Gartner davon ausgeht, dass zukünftig die
"Einhaltung von ITIL" ein Kaufkriterium in 75% der
Beschaffungsentscheidungen von IT-Services sein wird. Das
bedeutet, dass die Zertifizierung von Organisationen nach ISO
20000 einen erheblichen Stellenwert bekommen wird.
ISO
20000 sieht einen Aufgabencluster "Service Management" vor, der
einen prozess- und einen service-bezogenen Anteil in der Form
einer kontinuierlichen Verbesserung nach dem PDCA-Modell (Plan
Do Check Act) umfasst.
Der service-bezogene Anteil enthält in der Weiterentwicklung
nach ITIL V3 das Serviceportfolio-Management und das
Servicekatalog-Management. Das Serviceportfolio-Mgmt realisiert
eine Gesamtsicht auf den Lifecycle aller Services, das
Servicekatalog-Mgmt eine Sicht auf die
innere
Struktur (Leistungsgraph) und die Service-Schneidung.
Prozess- und service-bezogene Aufgaben des Service-Managements
lassen sich organisatorisch durch ein 3-Center-Konzept verankern
und fördern damit eine service-orientierte Ausrichtung der IT,
speziell des Betriebs. Die Center hierbei sind:
- Process Mgmt Center (PMC)
- Service- and Organisation Center (SOC)
- Service Architecture Center (SAC)
(vgl. hierzu Produkte/Vorgehensmodell)
Die 5
Maturity-Levels von CMMI 1.2 sind im folgenden Bild dargestellt:

Level 2 umfasst 7
Prozessgebiete, deren Prozesse institutionalisiert und gemanagt
sein müssen. Für Level 3 kommen 11 weitere Prozessgebiete hinzu
und die 7+11 Prozesse der Gebiete müssen jetzt
Standarddefinitionen haben, aus denen die Prozesse der
Entwicklungsprojekte durch Tayloring abgeleitet werden. Ziel
ist, die Varianz, die bei Level 2 von Projekt zu Projekt noch
groß sein kann, zu reduzieren.
Eine Organisation kann sich bei der Migration gemäß Modell statt
für die Maturity-Entwicklung auch für die Capability-Entwicklung
entscheiden. Das bedeutet, dass die Organisation selbst
bestimmt, welche der Prozessgebiete sie in welchem
organisatorischen Rahmen auf welches Level entwickeln will. Die
Auswahl wird durch Geschäftsbedarfe bestimmt.
Die Prozessgebiete in einer Übersicht zeigt das folgende Bild
(die Nummern in den Kreisen kennzeichnen das Maturity-Level):

Das Bild zeigt, dass
CMMI ein Schalenmodell ist, in dem Process Management mit
Project Management und Project Management mit Engineering
kommuniziert und Support alle unterstützt.
Man erkennt folgende Defizite im CMMI-Modell:
Es gibt zwar mit SAM (Supplier Agreement Management) ein
Prozessgebiet zum Management der Lieferantenbeziehungen (für
zugekaufte Komponenten in der Entwicklung), nicht aber ein CRM
für die Kundenseite. Aus Sicht eines durchgängigen
Business-IT-Alignments für die Phasen Strategie,
Portfolio-Mgmt und Innovation, Produktion existiert damit ein
Defizit in der 2.Phase. Jeder, der schon einmal ein mehrjähriges
Anwendungsentwicklungsprojekt gemacht hat, weiß, wie wichtig es
ist, Entwicklungen der Kundenseite ständig im Auge zu haben.
Andernfalls läuft das Projekt große Gefahr, am (veränderten)
Bedarf vorbei entwickelt zu haben.
Außerdem gehört meines Erachtens REQM (Requirement Management)
zum Project Management und nicht zu Engineering.
Bis auf ein paar weitere kleinere Schwächen ist das Modell mit
seinen über 500 Seiten Lesestoff ansonsten ein Fundus,
wenngleich bei der Umsetzung des Modells, dem sog. Deployment
der Prozesse in die Organisation sorgsam darauf geachtet werden
sollte, dass im Entwicklungsbereich nicht eine
Behördenmentalität einreisst nach dem Motto "Was ist als
nächstes zu machen?". Die Lösung der Entwicklungsaufgabe muss im
Vordergrund bleiben! Innovation ist prinzipiell nicht
prozessgetrieben, kann aber in ihren immer gleichen Teilen durch
Prozesse unterstützt werden.
Es
gibt am Markt verschiedene Modelle, die CMMI und ITIL
integrieren, aber kein von SEI und OGC zertifiziertes. Das liegt
sicher auch daran, dass die Modelle zum Teil erhebliche
Schwächen haben. So integriert etwa ein bekanntes Modell CMMI
und ITIL so, dass die Aufgaben der kontinuierlichen Verbesserung
(PDCA) - in ISO 20000 die Rubriken "Establish a Management
System" und "Plan and implement Service Management" - ersetzt
werden durch die Metaprozesse des Prozess-Managements (OPF, OPD,
OT etc.) von CMMI. Dabei wurde übersehen, dass obige Rubriken
von ISO 20000 nicht nur Aufgaben zur Verbesserung der Prozesse
sondern auch der Services beschreiben. In dem Modell ist daher
kein Platz etwa für das Serviceportfolio-Mgmt und das Continual
Service Improvement, wie sie in ITIL V3 weiter präzisiert worden
sind. Das Servicekatalog-Mgmt ist im Sinne eines
Business-Servicekatalog-Mgmt in das Service-Level-Mgmt
integriert. Dabei wurde vernachlässigt, dass das
Servicekatalog-Mgmt nach ITIL V3 durch die Betrachtung der
inneren Struktur von Services, Teilleistungen (supporting
services) und der Beziehungen zu Anwendungen und Infrastruktur
Basis der Service-Architektur ist.
Die
beiden Modelle CMMI und ITIL ergänzen sich zu einem starken
Gespann. Für IT-Bereiche mit Anwendungsentwicklung und Betrieb
kann die Ausrichtung gemäss der Modelle Wettbewerbsvorteile
bewirken bzgl.
- Time to market
- Serviceorientierung
- Standardisierung von IT-Service- und
Entwicklungsprozessen
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